Zeitgenössisches jüdisches Zweifeln

Zwei Möglichkeiten wie ein jüdisches Leben im gegenwärtigen Amerika aussehen kann zeigen Deborah Feldman in „Unorthodox“ und Jonathan Safran Foer in „Hier bin ich“.

„Ich lebe also nicht mein eigenes Leben?“
„Nein.“
„Und wessen Leben lebe ich?“
„Vielleicht das, was sich dein Vater oder dein Großvater sich unter deinem Leben vorgestellt haben. Vielleicht auch du selbst. Oder du lebst gar nicht.“
S482 aus „Hier bin ich“

Jonathan Safran Foer

Ich habe die beiden Bücher kurz hintereinander gelesen und sie haben sich in mir miteinander verbunden. Deborah Feldman ermöglicht in „Unorthodox“ einen Einblick in die strenge, orthodoxe Seite des chassidischen Judentums, Jonathan Safran Foer nähert sich in „Hier bin ich“ an unentschlossene Ausübung des jüdischen Glaubens an, die sich nur das vom Judentum nimmt, was gerade mit einem angenehmen Lebensstil vereinbar ist. Beide Bücher gemeinsam haben mir als Christin einen Einblick gegeben, welche Zugänge es für Juden heute zum Glauben gibt.

Deborah Feldman: „Unorthodox

Deborah Feldman erzählt im Buch „Unorthodox“ über ihre Kindheit und Jugend als Mitglied einer chassidischen* Gemeinde in Williamsburg, New York. Sie wächst in einem abgegrenzten Paralleluniversum auf, indem es eigenen Schulen, eigene Heiratsvermittler und sonstige separierte Einrichtungen gibt. Feldmann wird aufgezogen von ihrer hingebungsvollen Großmutter Bubby, die ein Konzentrationslager überlebt hat und ihrem frommen Großvater Zeidi, weil ihr Vater mental nicht ganz gesund ist und ihre Mutter sich davongemacht hat.

Durch geheime Lektüre weltlicher Bücher erforschte die junge Deborah die Welt außerhalb ihrer Daseins, was den Wunsch nach Ausbruch nährt. Erst durch frühe Heirat, konnte sie die strengen Zügeln lockern. Und nach der Geburt ihres Sohnes begann sie ein heimliches Studium, damit sie mit ihrem Sohn ein anderes Leben anfangen konnte. Deborah Feldman gelang der Ausbruch, sie lebt heute in Berlin.

Erschreckend für mich, sowie vermutlich für alle anderen Leserinnen, ist die Strenge des jüdischen Lebens. Ihre Glaubensrichtung bemüht sich, möglich „ehrlich“ mit hohen moralischen Ansprüchen zu leben, damit soetwas wie der Holocaust, der als Strafe Gottes für jüdischen Hochmuts geschickt worden war, niemals wieder passieren kann. Die Rache an Hitler ist nun, soviele Nachkommen wie möglich zu zeugen. Dafür werden die jungen Mitglieder der Gemeinde früh untereinander verheiratet. Die Mädchen lernen erst etwas über ihren Körper, wenn sie in die Ehe gehen. Feldman hatte vor der Hochzeit keine Ahnung, dass sie eine Vagina hat. Und als verheiratete Frau wird ihr Körper von außen, von ihrer Glaubensgemeinschaft kontrolliert. Es wird festgehaltenen, wann sie für den Mann rein ist, und wann nicht. Es scheint mir, als ob die Sekte die Zeit anhalten will, um sich gegen das Schreckliche, was geschehen ist, nachträglich zu schützen.

Es wird zwischen dem Juden und Zionisten klar unterschieden. Die Meinung der chassidischen Juden ist, dass die Zionisten den Holocaust nutzen, um Sympathien zu gewinnen, und um Israel rechtzufertigen.

An Israel reibt sich auch das zweite Buch.

Jonathan Safran Foer: „Hier bin ich“

Der Roman „Hier bin ich“ von Jonathan Safran Foer handelt von dem amerikanischen, jüdischen Fernsehautor Jakob, der mit der Architektin Julia verheiratet ist und drei Söhne hat. Die Bar Mizwa des ältesten Sohnes steht kurz bevor, aber alles läuft nicht so wie es sein sollte. Der Bursche lässt sich in der Schule etwas zu Schulden kommen, der Großvater will nicht in die Seniorenresidenz, dem Hund geht es nicht gut und der erdige israelische Cousin kommt mit seinem Sohn zu Besuch, um möglicherweise zu bleiben. Julia entdeckt Jakobs sexuell aufgeladenen Sms-Verkehr, den er mit einer anderen Frau unterhält. Zudem gibt es ein Erdbeben in Israel, das das labile politische Gleichgewicht im Nahen Osten kräftig schwanken lässt. Jakob überlegt für Israel zu kämpfen, ist aber nicht sicher, ob Israel alle Juden meint. Ob das auch sein Israel ist, obwohl er noch nie dort war.

Das Buch erprobt verschiedenen Textsorten und manchmal fliegen nur unverständliche Wortfetzen in Dialogen herum. Für mich wirkt es stellenweise wie zu schnell geschnitten, was mich fast schon nach 50 Seiten zur Aufgabe gezwungen hätte.

Was schade gewesene wäre. Denn das Buch hat allerhand interessante Fragen zu bieten und liest sich sehr gut als Reflexion einer Lebenskrise. Es geht um Zwiespälte in der Auslebung des Glaubens, in der Art sein Geld zu verdienen, mit einer Familie zu leben, seine Kinder zu erziehen,… . Wofür stehe ich und was hat einen Wert? Das ist die zentrale Frage. Antwort gibt das Buch keine. Die muss man schon selber suchen, aber man kann Jakob beobachten beim Zögern, Überlegen und beim Stöbern in den Möglichkeiten.

Der Roman ist bestimmt nicht Foers Meisterwerk, er wird eher für „Tiere essen“ in Erinnerung bleiben, aber er schafft es immer wieder, entscheidende Themen für Gleichaltrige zu treffen.

Verbindung

Deborah Feldman hat gekämpft, sie hat sich für ein selbstbestimmtes Leben entschieden, lässt ihrem Sohn aber offen, wofür er sich entscheiden möge. Die Figur des Jakobs kann sich nicht wirklich entscheiden. Er kämpft nicht. Nicht für Israel, nicht für seine Familie, nicht für sein berufliches Glück. Er lässt alles passieren.

Vielleicht bietet die Strenge eine Möglichkeit zur Klarheit, man kann sich unterwerfen, oder ausbrechen. Doch wo von Anfang an nur Unklarheit und ein eine Fülle von Möglichkeiten herrscht, ist es schwer, einen Weg zu finden. Insofern sind die Bücher auch für alle Nicht-Juden, die ihren Lebensweg suchen, interessant.

*Chassidismus: bezeichnet verschiedene voneinander unabhängige Bewegungen im Judentum.
Gemeinsam ist diesen Bewegungen die strenge Einhaltung religiöser Regeln, der hohe moralische Anspruch sowie eine besondere Empfindung der Gottesnähe, die häufig mystische Ausprägung gefunden hat. Quelle: Wikipedia


Deborah Feldman
„Unorthodox
btb
Taschenbuch
ISBN: 978-3-442-71534-3
10,30 € [A]
Erschienen: 19.06.2017

Jonathan Safran Foer
„Hier Bin ich“
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04877-3
Erschienen am: 10.11.2016
688 Seiten, gebunden mit SU
26,80 € [A]

Danke an die Randomhouse Verlagsgruppe für das Rezensionsexemplar von „Unorthodox“.