Greifvogel mit Innenschau

Seit meiner Islandreise habe ich Angst vor Vögeln. Damals hat mich ein brütender Vogel attackiert. Der Vogel stürzte von oben herab und pickte wiederholt auf meinen Kopf. Seither kenne ich die Angst, mit der Alfred Hitchcock in seinem Film „Die Vögel“ spielt.

Ich bin also kein Vogelfreund, warum lese ich dann ein Vogelbuch? „H wie Habicht“ von Helen Macdonald ist kein klassischer Roman. Es ist wenig Fiktion drinnen, viel Essayistisches und auch etliche Fakten. Nach der Lektüre wird man was gelernt haben.

Hört sich nicht prickelnd an, oder?

Ein alleinstehende Akademikerin richtet einen Habicht ab, während sie um ihren verstorbenen Vater trauert. Als gelernt Akademikerin orientiert sie sich in dieser Zeit auch an einem Buch. Als Mädchen hatte sie schon T.H. Whites Buch „The Goshawk“ gelesen, indem der Autor berichtet, wie er seine Habichte abrichtete. Und er machte es nicht besonders gut.

In diesem essayistischen Strang reflektiert die Autorin auch über die Kulturgeschichte der Falknerei und deren Zweck. Ursprünglich sollten die Greifvögel bei der Jagd helfen. Die Autorin fragt sich, was es heute noch heißt, einen Vogel als Tötungswaffe zu benutzen.

Der Plot hörte sich auch nicht verführerisch an. Warum habe ich mir das Buch gekauft, obwohl ich es schon in der Büchereien entlehnt und gelesen hatte?

Es ist das Buch einer Krise, eine Krise, die einen wachsen lässt. Es ist eine Buch über Beziehungen. Helen Macdonald wollte schon als Kind Falknerin werden. Ihr Vater unterstütze sie in ihren ungewöhnlichen Wünschen und Interessen. Als er überraschend stirbt, will die Autorin ihren ersten Habicht abrichten. Sie besorgt sich ein junges Habichtweibchen, das sie Mabel nennt. Sie beschreibt genau, wie sie vorgeht, wie sie sich dem Vogel annähert. Sie erzählt, in welcher Isolation sie während des Abrichtens verschwindet, wie sie sich selbst irgendwie zum Habicht verwandelt. Sie wird wie eine Mutter für ihr Baby. Sie geht in eine so tiefe Beziehung ein, dass sie die Wahrnehmung des anderen Lebewesens kopiert und zu ihren eigenen macht. Sie lässt sich auf einen Wandel, eine Transformation ein, vielleicht auch um mit ihrem Trauerschmerz umgehen zu können. Sie übersieht aber nicht, dass sie in einer Depression steckt und nimmt Hilfe in Anspruch.

Helen Macdonald versteht ihr schriftstellerisches Handwerk. Sie schafft diesen Bericht über eine schwierige Zeit mit einer Reflexionsebene zu verbinden und einer Informationsebene auszustatten. Das macht den Text abwechslungsreich und tief. Und sie umgeht damit persönliche Wehleidigkeit und Betroffenheit.

Als Leser des Textes kann man nicht übersehen, dass Macdonald das Buch, das nüchtern betrachtet ein Sachbuch ist, mit ganzem Herzen schrieb, über Lebewesen, die ihr wichtig sind, über den Vater, über Mabel und über sich selbst. Und das gibt sie weiter. Die Ehrlichkeit, die Tiefe ging mir sehr nahe.

Was habe ich aus dem Buch gelernt?

Ich habe mich mit meiner Familie freiwillig in eine Greifvogelschau gesetzt und war trotz permanenter Angst fasziniert. Mit den Fachbegriffen wie äsen und manteln war ich durch das Buch schon vertraut. Ich wusste was in einer Falknertasche zu finden ist und es mit dem Fluggewicht auf sich hat. Mein Blick auf Vögel ist nun wieder ein anderer. Ja, ich muss zugeben, ich bin nun neugierig auf Greifvögel geworden, werde aber in sicherer Entfernung bleiben.

Wenn ich das Buch hier so beim Schreiben durchblättere, will ist es sofort wieder lesen.

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H wie Habicht

 

 

H wie Habicht“

Helen Macdonald

Hardcover mit Schutzumschlag

416 Seiten

H is for Hawk“

Aus dem Englischen übersetzt von Ulrike Kretschmer.

ISBN-13 9783793422983

20,60 € (A)