Ein Splitter im Auge und viel Schnee machen noch lange kein Märchen

„Die Schneekönigin“ von Hans Christian Andersen war als Kind mein Lieblingsmärchen. Ich habe es geliebt, weil es um Freundschaft ging und um ein unerschrockenes Mädchen, das die Dinge in die Hand nimmt. Die Nachbarkinder Gerda und Kay sind sind die besten Freunde. Eines Tages zerbricht der Teufel einen verzerrenden Zauberspiegel und Kay bekommt einen dieser Splitter ins Auge. Dadurch verändert er sich. Er sieht die Dinge plötzlich sehr negativ. Gerda hält aber an ihrer Freundschaft fest. In einem Winter entführt die Schneekönigin Kay und sein Herz erstarrt zu Eis. Die kleine Gerda ist sehr traurig über Kays Verschwinden und macht sich auf dem Weg, um ihn zu suchen. Sie muss etliche Widrigkeiten überwinden, aber aufgrund ihres guten Herzens wird ihr immer geholfen, sodass sie auch am Schluss Kay helfen kann. Der festgesetzte Splitter wird von ihren Tränen weggespült und sie kann den durch die lange Suche erwachsen geworden Kay wieder mit nach Hause nehmen.

Mir gefällt, dass hier ein Mädchen auf Rettungsmission geht. Gerda nimmt die Dinge in die Hand. Und sie schafft ihre Aufgabe nicht mit List, nicht mit Gewalt, sondern weil sie ein guter Mensch ist. Es rührt die Menschen, die ihr begegnen, dass sie aus Liebe handelt. Ja, das Märchen erzählt viel über meine Naivität und wie ich noch immer hoffe, dass die Welt sein kann.

Was mir noch gefällt, dass fast alle Personen, die im Buch vorkommen, Frauen sind, egal ob als böser Charakter, oder als guter. Kay bleibt als Mann passiv und kann nur gerettet werden. Das ist ungewöhnlich für ein Märchen.

Als ich eines Tages einmal das Bloggerportal vom Randomhouse Verlag ausprobieren will, stoße ich dort auf „Die Schneekönigin“ von Michael Cunningham. Ich bin ich sofort begeistert. Der Klappentext verspricht, dass Elemente des Märchens in ein zeitgenössisches New York gesetzt werden. Und ich freue mich.

Nach der ersten Leseseite weiß ich, dass ich nur enttäuscht werden kann.

Der Roman handelt von den beiden Brüdern Tyler und Barrett. Als der eine in Schwierigkeiten ist, bietet der ältere, Tyler, ihm Unterkunft an bei sich und bei seiner krebskranken Freundin Beth. Barrett wird zum zweiten, platonischen Ehemann für Beth. Als er eines Nachts bei Schneefall eine seltsame Lichterscheinung im Central Park sieht, schöpft er Hoffnung für sein seltsames Leben und für Beth. Von dem Tag an geht es Beth besser, bis zu Silvester des Folgejahres. Hier kommt es zu einem Streit zwischen Tyler und Beth, der sich leichter mit ihr getan hat, als sie im Sterben lag. Er wollte ihr den perfekten Song zur Genesung schreiben. Was ihn nicht richtig gelingen mochte. Er hofft, dass ihm der andere Schnee, also Kokain, zu Hilfe kommt.

Tyler bekommt einen Splitter ins Auge. Es fällt ständig der Schnee. Aber sonst: es gibt keine starke Heldin. Niemanden, der hilft. Und gäbe ich nicht das Märchen, das ich versucht habe im Text zu finden, ich hätte das Buch nach wenigen Seiten beiseite gelegt. Die Handlung ist sekundär, hauptsächlich reflektieren die Figuren in inneren Monologen mit sehr vielen Einschüben und Klammern. Es geht zwar um Wunder, aber die bleiben rätselhaft, es geht auch um Rettung. Und es geht um Liebe, die eine Rettung sein soll, sie kann mich als Leser aber nicht erreichen.

Ich kann nur empfehlen, das Original zu lesen. „Die Schneekönigin“ ist ein wunderschönes Märchen, nicht nur für keine Mädchen.

Michael Cunningham

Die Schneekönigin“

Luchterhand Verlag

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(* empf. VK-Preis)

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag ISBN: 978-3-630-87458-6

Erschienen: 23.02.2015

Mein Uraltmärchenbuch hat wunderschöne Bilder:

Hans Christian Andersen

Märchen“

Mit vielen Bildern von Janusz Grabianski

Verlag Carl Ueberreuter

Wien-Heidelberg

ISBN 3 8000 1001 1