Kinder, Löwen und die katholischen Kirche

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John Irving und ich haben schon eine lange Beziehung. Ich habe ihn als Studentin entdeckt. Seine Romane gehörten zu dem Wenigen, was ich mir in dieser romankargen Lebensphase gönnte. Ich war fasziniert von seinem Wienbezug, seinen Bären, seinen Waisen, seinem Ringen, seinen lang vorbereiteten Zufällen.

Ich finde John Irving auch als Mensch äußerst sympathisch. Als damals die Stadt Wien seinen Roman „Hotel New Hampshire“ als Gratisbuch verteilte, gab er auch eine Lesung im Burgtheater. Obwohl ich damals total verkatert und unausgeschlafen war(warum weiß ich nicht mehr ;-)), habe ich diese Lesung als eine der besten überhaupt in Erinnerung. Irving ist ein glänzender Unterhalter, er kann auch live erzählen.

Also, was soll ich sagen, ich liebe seine Romane, auch die langweiligeren, auch die eitlen. Egal, ich habe sie alle gelesen. Das musst du wissen, bevor du meine Meinung über sein neues Buch „Avenue of Mysteries“ liest. Meines Wissens ist der Roman noch nicht auf Deutsch erschienen, aber er liest sich auch auf Englisch leicht.

Der Held des Buches ist Juan Diego, aber meine Lieblingsfigur ist seine kleine Schwester Lupe. Die beiden Kinder leben bei ihrem höchst unwahrscheinlichen Vater auf einer Mülldeponie in Mexiko. Lupe spricht eine eigene, unverständliche Sprache, die nur ihr Bruder versteht und übersetzen kann. Sie ist sehr temperamentvoll, hat viel zu sagen. Ihr Lieblingsthema sind die beiden Jungfrauen der katholischen Kirche Our Lady of Guadalupe (relevant in Lateinamerika) und Maria.

Die Mutter der beiden Kinder hat zwei Jobs, sie arbeitet tagsüber als Putzfrau in einem Waisenhaus der Jesuiten und nachts als Prostituierte (Also ganz prototypisch;-)). Nach einem Unfall, bei dem Juan Diegos Bein verkrüppelt wird, werden beiden Kinder im Waisenhaus untergebracht. Danach, als sie wirklich Halbwaisen sind, gehen sie zum Zirkus. Denn Lupe hat noch eine Besonderheit, sie kann Gedankenlesen und ein wenig in die Zukunft sehen. Im Zirkus soll sie die Gedanken der Löwen (diesmal also keine Bären, nur Hunde und Löwen spielen wichtige Rollen) lesen. Und Juan Diego träumt von einer Karriere als Seiltänzer.

Die zweite Handlungsebene begleitet Juan Diego als alten Mann und erfolgreichen Schriftsteller auf einer Reise nach Asien. Dabei trifft er auf zwei geheimnisvolle Frauen, Mutter und Tochter, die er beide gleichermaßen attraktiv findet und die plötzlich sein Leben bestimmen. Er ist krank und experimentiert mit verschiedenen Dosierungen seiner Medikamente und driftet dabei immer häufiger in die tröstenden, aber auch schmerzhaften Träume über seine Vergangenheit. Immer wieder wird sein Leben massiv von der katholischen Kirche beeinflusst und sie ist auch bis zum Schluss eine Konstante. Es geht um Wunder und Schicksal; und auch Talent und Bestimmung; um Toleranz und um einen würdevollen Abgang von dieser Welt.

Ich habe den altmodischen Erzähler des Romans als total angenehm und entspannend gefunden. Er weiß vieles, lässt aber auch so manches offen. Die Figuren behandelt der Autor wie immer sehr liebevoll und nachsichtig. Ich finde „Avenue of Mysteries“ besser als Irvings letzte Romane, für mich ist es die Perle in seinem Alterswerk. Er verzettelt sich weniger in Eitelkeiten, bleibt mehr am Plot.

Ich habe das Buch extrem genossen.