„Und was hat das mit mir zu tun?“

Eine Aufarbeitung einer Familiengeschichte, in der das Massaker von Rechnitz eine große Rolle spielt

Ich bin mir nicht sicher, ob ich von Rechnitz im Geschichtsunterricht gehört habe. Ich weiß aber, dass als ich das erste Mal, als ich davon hörte viele Fragen gehabt habe, auf die mir niemand eine Antwort geben konnte. Wie konnte es zu einem Massaker an Juden in Rechnitz, das Rechnitz mit dem schönen Drescherkirtag, kommen? Und warum geschah das im Rahmen eines Festes? Was ist da los gewesen?

Der Schweizer Journalist Sacha Batthyany erfuhr erst als Erwachsener von diesem Massaker in Rechnitz, als ihm ein Kollege einen Artikel darüber vorlegte und ihn fragte, was er denn für eine Familie habe. Er erkannte seine Tante Margit Batthyany (geborene Thyssen-Bornemisza) sofort auf dem Foto zum Artikel.

Am 24. März 1945 gab Fürstin Margit ein Fest auf Schloss Rechnitz. An diesem Abend machte ein Zug voller jüdischer Zwangsarbeiter in der Ortschaft halt. Es hieß, die Menschen seien an Flecktyphus erkrankt. Teile der Festgesellschaft verließen das Fest für einige Stunden, um ca. 200 Juden zu ermorden. Der Kreis der Täter wurde nie vollständig rekonstruiert. Einem Hauptakteur gelang die Flucht. Ein Zeuge wurde umgebracht, ein anderer kam unter mysteriösen Umständen ums Leben. Es bleib Stillschweigen in Rechnitz. Das Massengrab wurde bis heute nicht gefunden. Sacha Battyhany begann in seiner Familiengeschichte zu forschen, fand aber keine Indizien, dass seine Tante Margit unter den Tätern war. Für moralisch schuldig befand er sei trotzdem:

„Sie lachte und tanzte mit den Mördern , als diese um drei Uhr morgens wieder ins Schloss zurückkamen.“ S 77.

Die Geschichte der Großeltern

Doch die Nachforschungen waren für Sacha Battthyany damit nicht zu Ende. Er gerät durch die Rechnitzaufarbeitung an andere Geschichten seiner Großeltern, die ihn weitere Jahre beschäftigen.

Und er fragt sich, was hat das mit mir zu tun? Er wird zu Beginn der Recherche Vater. Und er begibt sich begleitend in eine Therapie. Er fühlt sich nicht wohl in seinem Leben, hat immer das Gefühl er lebe nur halb. Es stoßt auf die Tagebücher seiner Großmutter, die meinte sie sei ein Maulwurf, der zusieht, aber nicht handelt. Sie hätte wahrscheinlich einer jüdischen Familie helfen können, hat es aber nicht getan. Sachas Batthyanys Großvater verbrachte viele Jahre im russischen Gulag. Er kam erst zurück, als Sachas Vater 14 Jahre alt war. Zu seinem Vater kann Sacha Batthyany keine Verbindung aufbauen, erhofft sich aber von einer gemeinsamen Russlandreise zu den Stätten, an denen sein Großvater gewesen war, eine Öffnung. Hier kommt es für mich zum stärksten Moment in den Buch, als der erwachsen Sohn unter Wodkaeinfluss den Vater fast schlägt, um ihm nahe zu kommen. (Das hat in der Schmerzlichkeit fast Knausgardqualität).

Das Buch habe ich zweimal gelesen, weil ich es in meinem Burgenlandschwerpunkt aufnehmen wollte, und im Gegensatz zu den Bieresch, gewinnt es bei einer zweiten Lektüre. Das erste Lesen war intensiv, das zweite noch ergreifender. Man merkt, hier ist ein versierter Autor am Werk. Die einzelnen Handlungsstränge sind schön komponiert. Er schafft es, die historischen Fragestellungen über seine Person ins Heute zu bringen.

Was hat das mit mir zu tun? Was hat das, was meine Vorfahren getan oder unterlassen haben, ganz konkret mit meinem heutigen Leben zu tun? Die Frage macht Gänsehaut. Das Buch ist auf jeden Falls eine lohnende Lektüre, sogar denkbar für reife Oberstufenschüler.

„Und was hat das mit mir zu tun?“ erzählt nebenher auch noch eine andere Geschichte. Die Geschichte des Falls der Adeligen, der Großgrundbesitzer. In Ungarn wurde ihr gesamte Besitz enteignet, in Österreich wurde sie ihrer Macht enthoben, dennoch sind die Namen Esterhazy und Batthyany mit dem Burgenland fest verbunden. Das Schloss Esterhazy in Eisenstadt oder die Burg Güssing, die nach wie vor im Besitz der Familie Batthyany ist, zeugen von der früheren Größe. Sachas Familie flüchtete in die neutrale Schweiz, hier leben seine Eltern auch ein zeitlang im Haus von Margit. Mit dem Verlust von Besitz und Privilegien hadert Sacha Batthyany aber nicht, aber mit dem Verlust von Menschlichkeit.

PS: Über das Massaker in Rechnitz hat Literaturpreisträgerin Elfriede Jelinek auch ein Theaterstück geschrieben, „Der Würgeengel“, das ich weder gelesen, noch gesehen habe.


Sacha Batthyany
„Und was hat das mit mir zu tun?
Ein Verbrechen im März 1945. Die Geschichte meiner Familie“
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-04831-5
Erschienen am: 18.02.2016
256 Seiten, gebunden mit SU
Deutschland 19,99 €
Österreich 20,60 €