Flüchten

Zwei Bücher zum Thema Flucht

Ein Aspekt des Lesens ist es, kurzzeitig aus dem eignen Leben entkommen zu können, sich nicht mit der eigenen Realität, dem Alltag beschäftigen zu müssen. Manchmal braucht man nur Unterhaltung, das gebe ich zu. Aber dann gibt es auch andere Bücher, Bücher die den Versuch einer Erklärung unternehmen. Sie ziehen uns in ihren Kosmos, zeigen uns etwas, das wir mit bloßem Augen nicht sehen würden und setzen uns dann verändert wieder in unserer Welt ab. Über zwei Bücher, die mir Perspektiven zum Thema Flüchtende gegeben haben, möchte ich heute sprechen.

Olga Grjasnowa "Gott ist nicht schüchtern"

„Gott ist nicht schüchtern“

Zuerst empfehle ich den Roman mit dem seltsamen, mir nicht erschließenden Titel „Gott ist nicht schüchtern“ von Olga Grjasnowa zu lesen. In der Geschichte gibt es zwei Hauptpersonen, beide stammen aus Syrien. Zum einen ist da die junge, privilegierte Amal, die aus einer angesehenen Familie kommt und eine Schauspielausbildung absolviert. Die zweite Hauptfigur ist der junge Arzt Hammoudi. Er kommt für ein paar Tage zurück nach Syrien, um seinen Pass verlängern zu lassen. Er lebt mit einer Französin in Paris und er kann zwischen hochkarätigen Jobangeboten wählen. Amal hat die Hoffnung auf eine Revolution und geht dafür auf Demos gegen das Regime. Bei Hammoudi beginnt der Weg in den Widerstand, nachdem ihm die Behörde die Ausstellung eines neuen Passes verweigern. Das Leben in Syrien verändert sich, Amal wird verhaftet, kommt aber durch den Einfluss ihres Vaters wieder frei. Hammoudi beginnt sich um bei den Demos Verwundete zu kümmern, die in den offiziellen Spitälern nicht versorgt werden dürfen. Amal und Hammoudi lernen sich kurz in Damaskus kennen. Später auf der Flucht treffen sie sich wieder. Beide landen in Deutschland.

Der Roman beschreibt das Kippen der politischen Situation in Syrien, die Ausweglosigkeit der Menschen, die Willkür des Regimes. Welche Gruppierung gehört zu den Guten? Auf welcher Seite soll man kämpfen? Diese Fragen werden verhandelt. Was den Roman so besonders macht, ist dass es hier keine Moralkeule gibt, es wird nicht vereinfacht; es wird gezeigt, in vielen Facetten, in einer Direktheit. Das Buch schafft es, was Fernsehnachrichten nicht vermitteln können: was heißt, eine politisch instabile Lage, ein Krieg für den Einzelnen? Und auch der empathischen Leser im sicheren Österreich kann damit die Gründe für eine Flucht nachvollziehen.

Mich würde wirklich interessieren, wie die junge, in Aserbaidschan geborene und in Deutschland lebende Olga Grjasnowa recherchiert hat. Der Roman ist wirklich äußerst gelungen, er wird ein bleibendes Dokument für unsere Zeit sein.

„Gehen, ging, gegangen“

Das zweite Buch, das ich in dem Zusammenhang erwähnen mag, ist „Gehen, ging, gegangen“ von Jenny Erpenbeck. Die Geschichte setzt dort an, wo „Gott ist nicht schüchtern endet“ bei der Ankunft in Deutschland. Und die Erzählperspektive ist aber eine Andere. Wir blicken hier durch die Augen den emeritieren deutschen Professors auf die ankommenden flüchtenden Personen. Der gelangweilte Pensionist beginnt sich eher zufällig für die geflüchteten Menschen, die am Oranienplatz in Berlin campieren, zu interessieren. Vorsichtig nimmt er Kontakt auf. Er befreundet sich, er hilft, er unterstützt. Sein eigenes Leben ändert sich dadurch auch.

Die Autorin kann allerdings oftmals ihre persönlich Empörung über den Umgang mit Flüchtlingen in Deutschland nicht verbergen, was dem Buch leider schadet. Schön zeigt das Buch die Unsicherheit vor dem Fremden. Es hinterlässt einen mit der Frage, was hast du getan? Was hättest du getan? Was wirst du tun? Denn das Thema Flucht wird uns alle noch länger beschäftigen.


Olga Grjasnowa
„Gott ist nicht schüchtern“
Hardcover mit Schutzumschlag, 309 Seiten
Aufbau Verlag
978-3-351-03665-2
22,00 € (D)

Jenny Erpenbeck
„Gehen, ging, gegangen“
Roman
Albrecht Knaus Verlag, München 2015
ISBN 9783813503708
Gebunden, 352 Seiten, 19,99 EUR (D)