Entfesslung für Anfänger

Der Magier Houdini, der weltbekannte Entfesselungskünstler, ist Robert Wringhams Vorbild. Doch dem jungen Briten geht es nicht darum, aus engen Boxen, Zwangsjacken und ausbruchsicheren Gefängnissen zu entkommen, ihm geht es im Buch „Ich bin raus – Wege aus der Arbeit, dem Konsum und der Verzweiflung“ darum, aus unserem derzeitigen Leben zu entkommen.

Warum? Was ist an unserem Leben so schlecht?

Wir sitzen in der Falle, sagt der Autor. Wir machen uns täglich mühselig auf dem Weg zu unseren Jobs, die nichts bewirken, um Geld zu haben, mit dem wir unsere Schulden abzahlen, die wir durch übermäßigen Konsum angehäuft haben. Wir arbeiten, um zu konsumieren. Unsere Jobs schränken uns ein, zeitlich und auch räumlich. Sie halten uns davon ab, die Dinge zu tun, die das Leben schön und gut machen.

So beschreibt Robert Wringham die Falle. Er gibt in diesem Buch Ideen, wie man aus dieser Welt entkommen kann wie zum Beispiel: den fixen Job durch Gelegenheitsjobs ersetzen, Jobsharing betreiben, Finanzpolster ansparen oder ein Geschäftsmodel aufstellen, dass von alleine Geld hereinspült. Das zweite Standbein der Entfesselung ist die Konsumreduktion. Der Autor argumentiert, dass Konsum und Vergnügen mittels Werbung eng miteinander verknüpft wurden, dass der Verzicht des Konsums aber nicht das Ende des Vergnügens bedeutet. Mit Minimalismus lässt sich auch ein gutes Leben mit viel Zeit für Kreativität, netten sozialen Kontakten und auch schönen Reisen verwirklichen. Er predigt Genügsamkeit. Er führt auch Hindernisse am Weg zur Entfesslung an. Die verschiedensten Ängste, die diesen Weg blockieren können, versucht er zu entkräften.

Robert Wringham schreibt sehr pointiert. Man merkt seiner Sprache an, dass er von der Stand-up-Comedy kommt. Das Buch ist gut strukturiert, es macht Freude beim Lesen und man kann Passagen auch leicht wiederfinden. Die Vorschläge sind auch inhaltlich nachvollziehbar argumentiert.

Meine Ansichten sind radikaler

Trotzdem teile ich nicht alle Ansichten des Autors. Er will sich zum Beispiel der Bürokratie entziehen, was ich nicht für verantwortungsvoll halte, da der Staat ja eine wichtige Funktion erfüllt. Und ich sehe keinen Grund aus meinem Job entkommen zu müssen. Ich arbeite gerne. Wenn man noch weiter denkt, als der Autor, arbeitet man nicht, um zu konsumieren, sondern ursprünglich, um sein Leben zu erhalten, also hauptsächlich um zu essen. Das einzig sinnvolle Arbeitfeslt wäre dann die Landwirtschaft, also der autarke Selbsterhalt. Aber Landwirtschaft hat mit Urlaub und Müßiggang, wie es der Autor es propagiert, gar nichts zu tun, sage ich hier als Bauerntochter.

Mit dem Vorschlag des minimalistischen Lebens kann ich mich hingegen voll identifizieren. Ich bin auch für freiwilligen Konsumverzicht, wir haben viel zu viel von allem.

Hier kommen wir zum wichtigsten Punkt in diesem Buch, er ist im Nachwort angeführt. Robert Wringham antwortet auf die Frage: „Was ist, wenn das alle machen?“ Dann ist es keine Entfesslung mehr, dann ist es ein neues System. Und das ist es, wo ich auch hin will. Denn für einen dreißigjährigen Mann ohne Kinder mag es schön sein von lebenslangem Urlaub zu träumen. Für eine Mutter um die vierzig, ist Ausstieg kein Konzept mehr. Es reicht nicht, einfach aus allem, was einem nicht passt, auszusteigen. Das ist keine Lösung, oder nur eine kurzfristige, sehr egoistische. Das geht mir nicht weit genug. Ich denke an meine Kinder. Das gesamte System muss sich ändern. Das System, in dem unser Wohlstand auf Kosten anderer Menschen geht. Hier kommen wir wieder zum Minimalismus. Ja, das kann ein erster Schritt auf einem langen Weg sein.

Ich probiere mit diesem Buch etwas Neues und habe es auf Bookcrossing registiert. Heute um ca. 18:00 wird es von mir in den offenen Bücherschrank im 9. Bezirk am Zimmermannplatz gelegt. Schreib mir doch, wenn du es findest.


Robert Wringham
„Ich bin raus“
Heyne Encore
€ 17,50 [A]Paperback, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-453-27080-0
Erschienen: 29.08.2016