Ortstafeln mit Untertiteln – Entstehungsbedingungen für die burgenländische Literatur

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Burg Güssing

Der Bus, der mich von der Schule heimbrachte, startete bei meinem Gymnasium in der Bezirkshauptstadt Oberpullendorf. Oberpullendorf heißt auf Ungarisch Felsőpulya und das ist auch auf der Ortstafel ausgewiesen. Der Bus fuhr weiter durch einen Ort, der ebenfalls einen ungarischen Ortsnamen hat, dann durch drei Orte, die kroatische Ortsnahmen und entsprechende Ortstafeln haben und schließlich zu zwei Orten mit nur einer einzeilig, deutschen Ortstafel. Im letzten Ort, Lutzmannsburg, stieg ich aus.

Für mich ist das Burgenland wie der Bus voller Kinder: kulturell unterschiedliche Menschen, die aus praktischen Gründen zusammengefasst werden, aber trotzdem gut miteinander auskommen. Warum das so ist, haben wir als Kinder nicht hinterfragt, es war einfach so und es war kein Thema.

Eine Antwort gibt die Geschichte. Die Burgenlandkroaten wurden in diesem Landstrich bereits im 16. Jhd angesiedelt. Das Burgenland gibt erst offiziell seit 1921, vorher gehörte der Teil zu Ungarn. Es gibt auch Roma und Sinti-Siedlungen und ursprünglich gab es auch noch eine jüdische Community, die aber mit den NS-Zeit ausgelöscht wurde. Außerdem leben hier viele Evangelische. Das Land ist also sprachlich und kulturell alles andere als homogen. Ein Großteil der Menschen hier gehört einer Minderheit an.

Auch die langgezogene Geographie tut ihr Wesentliches dazu, dass wenig Zusammenhalt und Identität unter Burgenländern entsteht. Ich war als Kind nur wenig Male in der Landeshauptstadt Eisenstadt. Wenn wir etwas besorgen mussten, fuhren wir nach Wiener Neustadt oder trotz Eisernen Vorhangs nach Köszeg (Güns, H) oder Szombathely (Steinananger, H).

Gehen wir zur burgenländischen Literatur. Kennst Du den burgenländischen Dichterfürsten?

Ich auch nicht. Weil es ihn nicht gibt.

Es gibt in der burgenländischen Schreibkultur keinen, der die über die Grenzen des Burgenlandes oder über die Grenzen Österreichs bekannt ist, niemanden, der ausschlaggebend für das deutschsprachige, literarische Geschehen gewesen wäre.

Warum?

Neben der vielen möglichen Sprachen und auch deren historischer Unterdrückung, sind die Schaffensbedingungen für Autoren im Burgenland nicht optimal. Es gibt zwar vereinzelte Förderungen, Kulturzentren, aber wenige burgenländische Verlage und derzeit keine burgenländischen Literaturzeitschrift, und damit keine wirkliche Literaturkritik Und damit gehen diejenigen, die es zu etwas bringen wollen, nach Wien, Graz oder Budapest.

Als gebürtige Burgenländerin will ich mich in diesem Jahr mit dem Schaffen burgenländischer Autoren beschäftigen. Ich werde hier jeden Monat einen Autor oder ein Buch vorstellen, das einen Bezug zum Burgenland hat.

Nimm ein burgenländisches Buch zur Hand, ein Glas süße Beerenauslese neben dir, und genieße den Blick über den Neusiedlersee. Oder radle durch das Burgenland, mit einem Buch und einem Nussstrudel im Gepäck und schau weit bis nach Ungarn. Oder setz dich mit einem dunklen Blaufränkischem ins warme Wasser auf den Hügeln und lies ein wenig. Und entdecke, was das Burgenland für ein reiches Land ist und was hier geschah.