„Wie gern möchte ich einmal im Mondschein spazieren gehen.“

20160105 um Weihnachten 060

Kann man verurteilten Verbrechern glauben? Ja, würde ich sagen, aber mit Einschränkungen.

Der letzte Kirchenflohmarkt führte mich gerade zu einem Speziallesethema: Gefängnisaufenthalte. Ich fand dort „Orange Is the New Black“ von Piper Kerman und „Spandauer Tagebücher“ von Albert Speer. Beide Bücher wurden geschrieben von reuigen Sündern nach bzw. während ihres Gefängnisaufenthaltes.

Piper Kerman saß 15 Monate in einem amerikanischen Frauengefängnis, in gelockertem Vollzug, so würde hierzulande wohl heißen. Albert Speer verbrachte zwanzig Jahre in Berlin, Spandau, einem Militärgefängnis, in dem sieben ehemalige Nazigrößen von den vier Siegermächten bewacht wurden.

Ihre Verbrechen hatten unterschiedliche Größenordnung. Piper Kerman schmuggelte auf der Suche nach großen Abenteuern Drogengeld über Grenzen. Albert Speer war Hilters Lieblingsarchitekt, was an sich nicht strafbar war. Er wurde aber später Rüstungsminister und als solcher auch verantwortlich für den Einsatz von Zwangsarbeitern. Er schreibt, dass er schon während des Nürnberger Prozesses seine moralischen Verfehlungen anerkannt hat und dafür die Verantwortung übernahm. Aber erst langsam beginnt er sich während der langen Haftzeit innerlich von seinen Taten zu distanzieren. Er fragt sich wiederholt, warum er Hitler so gut gefunden hatte.

Piper Kerman freundet sich während der Haft mit drogenabhängigen Frauen an. Sie begreift, dass sie indirekt an der Zerstörung von Leben beteiligt gewesen war.

Für beide Häftlinge ist es wichtig, im Gefängnis einen regulären Tagesablauf zu haben und beschäftigt zu sein. Kerman darf in den Gefängniswerkstätten arbeiten. Sie hält sich mit Laufen und Yoga fit. Speer tobt sich gestalterisch und körperlich im Gefängnisgarten aus. Er stellt Überlegung über Architektur an und versucht in seinem Fach am Laufenden zu bleiben. Beide lesen und schreiben viel. Beide beschreiben die psychischen Veränderungen. Das Warten. Die Einsamkeit. Nach einer Weile, auch die Angst vor draußen.

Beiden schmerzt besonders die Trennung von ihren Familien. Sie sehen, dass ihre Schuld auch von ihren Lieben mitabgebüßt werden muss. Kermans Verlobter und ihre Mutter besuchen sie jede Woche, auch andere Freunde kommen. Speer will seine Frau anfangs gar nicht ins Gefängnis bestellen, weil die Reise durch die russische Besatzungszone zu gefährlich für sie gewesen wäre. Als sie später ab und zu kommt, darf er sie nicht berühren. Seine sechs Kinder dürfen einzeln kommen, der jüngste Sohn wächst während der Haftzeit vom Kleinkind zum jungen Erwachsenen. Speer leidet enorm unter der Entfremdung.

Den Gefängnisalltag habe ich beiden Verbrechern geglaubt. Was sie über ihr Vergehen, und zum Teil über sich selbst sagen, nicht ganz. Der hoch intelligente und sehr reflektierte Speer hat, wie später nachgewiesen wurde, mehr über KZs gewusst, als er in diesen Tagebüchern behauptet. Und er betont in den Aufzeichnungen immer wieder, kein Antisemit gewesen zu sein, dürfte sich aber an arisieren Gemälden bereichert haben und sein Leben nach der Haft damit finanziert haben.

Bei Kerman wirkt es so, als ob sie nur über das Vergehen schreibt, wofür sie verurteilt wurde, was nicht unbedingt ihre einzige Straftat aus dieser Zeit gewesen sein muss.

Wenn ich meine Tagebücher veröffentlichen würde, würde ich auch möglichst gut über mich selbst schreiben und das Unangenehme verschweigen.

Gut, für die Wahrheit sind Richter zuständig. Für den Leser sagt der Wahrheitsgrad nicht unbedingt etwas über die Qualität des Lesegenusses aus. Die Lektüre bietet Einblicke ins Gefängnisleben, von dem man hofft, es niemals durchstehen zu müssen. Beide Autoren sind gute Beobachter und schreiben viel über den sozialen Mikrokosmos der Gefangenen. Die Bücher sind zum Teil sogar witzig. Kermans Buch ist zudem mit Hintergrundwissen über Häftlinge in der USA angereichert. Also wirklich horizonterweiternd 😉

„Orange Is the New Black“ wurde sogar zu einer Netflix Serie, die ich leider noch nicht gesehen habe.

(Notiz am Rande: Ich muss gestehen, dass ich die „Spandauer Tagebücher“ mit Zeitungspapier eingebunden habe, damit ich in der Straßenbahn nicht blöd angeschaut oder gequatscht werde.)