Vorschuss durch den Leser?

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Diesmal hat mich die Facebookwerbung erwischt. Tilman Rammstedt schreibt ein neues Buch. Via Crowdfounding kann man den Autor unterstützen und darf quasi während des Arbeitens schon mitlesen. Das Ganze trägt den Titel „Morgen mehr Rammstedt – ein Roman-Abo“. Das hört sich interessant an, dachte ich und um den Preis von einem Buch, mache ich glatt mit. Schon angemeldet und gespendet.

Sich mittels Crowdfunding einen Vorschuss zu erarbeiten, scheint eine gute Idee für einen Autor zu sein. Die Schriftstellerei ist kein Geschäft, in dem man finanziell leicht überleben kann (Natürlich gibt es Ausnahmen). Das Schreiben funktioniert normalerweise durch Vorleistung und damit durch Selbstausbeutung. Man muss sehr viele Bücher verkaufen, um einen angemessenen Stundenlohn für das Schreiben zu erhalten (üblicherweise bekommt der Autor 10% des Buchpreises) Die meisten Autoren haben also einen Brotjob. Die meisten, die beginnen, haben auch noch keinen Verlag.

Tilman Rammstedt ist ein etablierter Autor. Einer der mich schon zweimal sehr gut unterhalten hat. Ich fand „Der Kaiser von China“ und „Wir bleiben in der Nähe“ extrem witzig. Er schafft es, Sachverhalte sehr originell zu beleuchten.

Es sollte ihm also leicht fallen, mittels Crowdfundingcampagne Geld aufzutreiben. Einen unbekannten Schreiberling unterstützt man nicht so schnell. Bei Rammstedt weiß man, was man bekommt.

Interessanterweise hat Tilman Rammstedt einen Verlag hinter sich, einen großen sogar, den Hanser Verlag. Dieser unterstützt sein Crowdfundingprojekt. Er hat dafür sogar sechs Mitarbeiter bereitgestellt. (Team Rammstedt nennen sie sich).Wäre es nicht einfacher das Gehalt dieser sechs Mitarbeiter Rammstedt zu geben? Da kämen sicher über die vier Monate des Projektzeitraums mehr als die gewünschten 4.000€ zusammen.

Und warum zahlt der Verlag nicht einfach einen Vorschuss?

Oder wollen sie dem guten Autor einfach Feuer unter dem Hintern machen, damit der faule Sack endlich etwas produziert? Ist er einer, der ewig davon redet und nichts zu Papier bringt? Den man hinter den Schreibtisch zwingen muss?

Im Begleittext der Campagne wird vom Abenteuer eines Fortsetzungsromans mit unbekanntem Ausgang gesprochen. Dieser Gedanke ist für mich als Serienliebhaberin auch reizvoll. Doch auf der anderen Seite jeden Tag beim Arbeiten über die Schulter geschaut zu bekommen, stelle ich mich sehr stressig vor.

Auf den Fotos am Crowdfundingportal gibt Rammstedt Prognosen über seinen Schreibzustand während des Projektes ab. Er dürfte das ähnlich sehen. Er verfällt von Foto zu Foto zusehends und häuft immer mehr aufputschende Substanzen und Hilfsmittel auf seinen Schreibtisch an.

Das Ganze dürfte also ein Marketingprojekt sein. Mal sehen, was der Leser bereit ist zu zahlen (es gibt verschiedene Preiskategorien)? Mal sehen, wie interessiert der Leser am Schreibprozess ist? Mal sehen, wieweit ein Autor geht, um zu sicherem Geld zu kommen?

Und ist kann so eine Campagne eine gute Werbung für ein Buch? Oder kann sie dem ganzen Verlag einen hippen, zeitgeistigen Anstrich geben?

Du hast noch zehn Tage um dich selbst finanziell zu beteiligen (das Fundingziel ist schon erreicht), oder du liest hier einen Bericht darüber.

PS: Die Idee des Fortsetzungsromans würde ich gerne an meine bevorzugten Wochenzeitungen weitergeben…